Deutschpunk Schlachtrufe Sampler 2018

21 unterschiedene Bands, 21 unterschiedene Songs, 21 unterschiedliche Sounds, eine Aussage: „Es ging darum, den Punk zurückzubringen.“ – Felix Willikonsky, Initiator

Deutschpunk – kurz, knackig und auf dem Punkt. Plakativ und in dem Maße deutlich, dass für eigene Interpretationen in der Regel kein Raum bleibt. Das Gute daran: Wirklich jeder sollte verstehen, worum es geht. Das Schlechte: Ebendies; kein Raum für eigene Interpretationen. Der Wunsch nach gut geschriebenen, metaphorischen Texten ist in den letzten Jahren scheinbar ins Unermessliche gestiegen, doch Eloquenz bringt manchmal auch eine gewisse Undeutlichkeit mit sich. Als Hörer kann man oftmals nur erahnen, worum es in Songs gehen soll – und dann sind die Lyrics gerne auch noch auf Englisch verfasst, um auch auf internationalem Boden spielen zu können. Verständlich, doch vor allem für junge Menschen eine kleine Hürde.

Vor Jahren haben die Schlachtrufe BRD-Sampler Felix Willikonsky angeregt, ernsthaft über Politik nachzudenken. Der Deutschpunk habe ihn „auf die richtige Seite gebracht“. Diese Deutlichkeit vermisst er inzwischen. „Alles ist verstimmt und grau und man weiß nicht, wo man im Leben steht. Mit 15, 16 Jahren war es einfacher, weil das Weltbild einfacher war. Mein Kompass waren damals Slime und die alten Deutschpunk Schlachtrufe“, erinnert er sich. Um das, was ihm im Leben geholfen hat, nun wieder ins Rampenlicht rücken, hat er den Deutschpunk Schlachtrufe-Sampler initiiert – mit jungen Bands, die mit ihrer eigenen Musik teilweise eher Persönliches beschreiben und verarbeiten. „Es ist cool, von den Bands auch mal sowas zu hören“, so Willikonsky.

Der eigentliche Gedanke, Songs ebenjener Schlachtrufe BRD-Sampler zu covern, wurde allerdings nicht Realität. „Ich habe sie zwar dazu ermutigt, sich einen alten Schlachtrufe-Song auszusuchen, ihnen aber auch die Möglichkeit gelassen, sich einen anderen vorzunehmen. Wenn es ihnen aus der Seele spricht, sollten sie es auch machen“, erklärt der Initiator. Neben Slime, Toxoplasma und Public Toys wurden so nun auch Neuinterpretationen von „Dann ohne mich“ von den Donots und Farin Urlaubs „Welche Krise“ Teil der 21 Songs starken Sammlung.

„Die Idee des Samplers war eigentlich, eher „klassische“ Deutschpunk-Songs zu covern. Uns war es aber ein Anliegen, einen tagesaktuelleren Beitrag zu leisten.“ – Great Escapes

21 Bands, 21 Songs und 21 Sounds – allein der Gedanke, so unterschiedliche und eigentlich gar nicht zusammenpassende Tracks auf einen Sampler zu versammeln, ist schon Punk. Für Kay Petersen aber auch eine große Herausforderung. In seinem Hamburger Studio produziert er Bands und Künstler wie Tigeryouth, John Allen oder Arterials. In den vergangenen Monaten hat er sich für die Neuauflage des Schlachtrufe-Samplers dem Mixen und Mastern angenommen. „Die Songs klingen alle extrem unterschiedlich. Manche haben im Proberaum aufgenommen, andere im WG-Zimmer und wieder andere im professionellen Studio. Damit keiner herausfällt, habe ich sie hin und wieder untereinander verglichen.“

Wo Bands wie beispielsweise The Prosecution, Radio Havanna oder The Deadnotes ihre Cover von „Schweineherbst“ (Slime), „Abend in der Stadt“ (Aufbruch) und „Dann ohne mich“ (Donots) im professionellen Studio aufgenommen und Pertersen mit ihren hochwertgien Aufnahmen nur wenig Arbeit beschwert haben, behielten andere Bands den Punk-Spirit auch für den Aufnahmeprozess bei. Wie sonst auch ihre Demos nahmen Lester ihr Cover von „Ich liebe dich für immer“ von Casanovas Schwule Seite „quick and dirty“ in ihrem Proberaum auf. Great Escapes nutzen ihre Teilnahme am Sampler-Projekt sogar gleich, um ihr Recording-Debüt zu geben – „alle Regler auf 11 und los“. Klar, dass bei solchen Experimenten ganz schnell auch etwas schiefgehen kann. Für Kay Petersen macht genau das jedoch den Charme der „Deutschpunk Schlachtrufe“ aus. „Ich finde es cool, dass es teilweise einfach nicht perfekt ist. Kreativ schreite ich da auch nicht ein – das ist bei Punkmusik nicht zweckdienlich. Dort geht es darum, dass man es so spielt wie man denkt. Und wenn es ein bisschen hakt oder zu schnell ist, ist das scheißegal. Hauptsache es gibt eine Message.“

„Gerade in Zeiten wie diesen sollte man für seine Überzeugungen einstehen und das auch gerne laut kundtun. Dieser Sampler ist genau dafür gedacht.“ – Primetime Failure

Unter anderem Radio Havanna und The Prosecution stehen seit jeher für ihr immenses politisches Engagement. Sie setzen sich mit, aber auch abseits von ihrer Musik für Geflüchtete ein, machen auf die AfD aufmerksam und sammeln Spenden für NGOs. Nur logisch also, dass sie bei Felix Willikonskys Anfrage nicht Nein sagen konnten. „Es ist eine absolute Zumutung für jeden denken Menschen, dass mit der AfD Rassisten, Antisemiten und Holocaust-Relativierer in den deutschen Parlamenten sitzen. Eigentlich sollten das alle Musiker zum Anlass nehmen, sich auf ihre politischen Wurzeln zu besinnen, sich zusammenzuschließen und gegen diese parteigewordene Schande anzusingen“, geben Radio Havanna zu Protokoll. Sie wollen ein klares Statement für Solidarität und gegen Menschenfeindlichkeit setzen – und sind damit nicht allein.

„In Zeiten von NSU und Gruppe Freital ist eine starke antifaschistische Bewegung besonders wichtig, um uns und alle von diesen rechten Gruppierungen bedrohten Menschen zu schützen“, so Minipax und Lester pflichten dem nur bei: „Es ist beängstigend, dass politische Schreckensgespenster wiederkehren und Meinungen vermeintlich salonfähig werden, von denen man innständig hoffte, dass diese nie wiederkehren mögen.“ Neben offensichtlich politischen Bands zeigen sich so nun auch Künstler von ihrer politischen Seite, die mit ihren eigenen Songs bislang vor allem durch tolles Songwriting und den Mut, persönliche und emotionale Thematiken ehrlich zu erörtern, überzeugen konnten. „Im Allgemeinen kann es vermutlich nicht schaden, zwischendurch einfach mal nett zu sein“, bringen es Primetime Failure auf den Punkt.

Team Stereo zufolge könne es langfristig nur so weitergehen, wenn sich jeder zumindest das Bewusstsein erhalten würde, dass nicht alles selbstverständlich ist und man weniger egoistisch denken sollte. „Leider machen sich die Menschen, die uns führen sollen, aktuell dermaßen lächerlich, dass es sogar verständlich ist, wenn so mancher den Überblick verliert und einfach abschaltet. Dass Parteien, die eindeutig Lügen verbreiten und menschenfeindliche Politik betreiben, und damit ist nicht nur die AfD gemeint, so viel Zuspruch bekommen, spiegelt viel zu sehr ein großes Unwissen wieder.“

„Ich bin wütend und enttäuscht, aber in meiner hoffentlich nicht jugendlichen Naivität motiviert und hoffnungsvoll, durch unter anderem solche Sampler-Ideen ein Umfeld innerhalb der Musikszene und von dort an auch weit darüber hinaus gemeinsam positiv zu gestalten“ – The Deadnotes

Vor Jahren ging es bei der BRD Schlachtrufe-Samplerreihe darum, vor allem junge Menschen zu erreichen und sie an die Thematiken heranzuführen. Initiator Felix Willikonsky ist „extrem stolz“ auf die Punk-Szene in Deutschland, auf die politische Seite und dass es mit Bands wie Slime gute Vorbilder gibt, doch gerade aufgrund der aktuellen Situation kann es davon nicht genug geben. Mit dem Deutschpunk Schlachtrufe-Sampler will er den Deutschpunk und alles, wofür er steht, wieder in den Vordergrund rücken. Zusammen mit Kay Petersen und 21 engagierten Bands will er Aufmerksamkeit erregen und deutlich aufzeigen, dass vieles ganz und gar nicht richtig läuft. Sie wollen Leute erreichen und Diskussionen anregen.

„Es kommt manchmal ein bisschen altbacken rüber, wenn man sagt, man sei gehen Nazis“, so Willikonsky. „Aber gerade zu dieser Zeit ist das extrem wichtig. Es ist wichtig, Nazis zu benennen und sich klar zu positionieren.“

Am 2. Februar erscheint via Funk Turry Funk Records „Deutschpunk Schlachtrufe“ – alle Einnahmen gehen an Kein Bock auf Nazis.

Die Tracklist:
01. The Deadnotes feat Zock Astpai – Dann Ohne Mich (Donots)
02. Hell & Back – Liebeslied (Die Toten Hosen)
03. Marathonmann – Die Gesellschaft ist schuld, dass ich so bin (Terrorgruppe)
04. Team Stereo – Niemand beißt die Hand, die einen füttert (But Alive)
05. Spit Pink – Erschießen (Ideal)
06. Radio Havanna – Abend in der Stadt (Aufbruch)
07. Überyou – Radikal (Dödelhaie)
08. Kochkraft durch KMA – Revolution Action (Atari Teenage Riot)
09. Lester – Ich liebe dich für immer (Casanovas Schwule Seite)
10. The Prosecution – Schweineherbst (Slime)
11. Minipax – Antifa (Die Junge Union)
12. Great Escapes – Welche Krise? (Farin Urlaub Racing Team)
13. Kitty In A Casket – Stillstand (Betontod)
14. Primetime Failure – Seid Betroffen (Public Toys)
15. The Dimensions – Fahnensong (Razzia)
16. Skin Of Tears – Alptraum (Slime)
17. As We Go – Alles was ich brauch (Muff Potter)
18. Dashcoigne – Edwin Van der Sar (Dackelblut)
19. Start A Fire – Schwarz Rot Braun (Toxoplama)
20. Grillmaster Flash – Punkt 9 (Muff Potter)
21. Krawehl – 45 Jahre (Chaos Z)

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