Twoonacouch – And I Left

Aufwachsen an einem Ort, an dem es einem eigentlich gut gehen sollte. Man hat alles, was man braucht, vermisst nichts, doch trotzdem fühlt man sich nicht so richtig wohl. Twoonacouch haben ebendies zum Thema ihres Debütalbums „And I Left“ gemacht. Gestatten: Der nächste Output der Luzerner (Emo-)Talentschmiede.

„And I Left“ handelt von den Problemen und Ängsten, mit denen man urplötzlich konfrontiert wird, sobald die ernste Phase des Erwachsenwerdens konkrete Züge annimmt. Wenn man die Schule beendet hat, in die Welt entlassen wird und sich mit den Schwierigkeiten des Berufslebens oder des Studiums auseinandersetzen muss. Die drei jungen Männer sprechen etwa über Verlustängste („But Now“) und Erwartungen, die man trotz aller Anstrengung einfach nicht erfüllen kann („You“). Über den Wunsch, auszubrechen, alles Bekannte hinter sich zu lassen und dem Ungewissen ins Auge zu blicken („Dreaming“). Oder auch einfach mal über Liebe („Places“).

I never wanted to bring you down, I never wanted to break your heart” schreit Sänger Lars Imgrüth im Opener „But Now” aus voller Kraft – in beinahe furchterregendem Kontrast zur ruhigen Gitarre. Erst als der Song nach und nach lauter und besonders durch das spät einsetzende Schlagzeug noch intensiver wird, verschmilzt alles zu einer Einheit. Daraufhin ein weites Crescendo – man spürt förmlich, wie sich die aufgestaute Energie endlich entladen will – und dann: Schluss. Song vorbei.

Jede andere Band würde an dieser Stelle fließend ins nächste Lied übergehen, Twoonacouch fangen lieber nochmal von vorne an, machen „Dreaming“ nicht zur Weiterführung von „But Now“, sondern zu etwas ganz Eigenem. Die Variante geht auf. Wie auch sein Vorgänger entwickelt sich „Dreaming“ ganz behutsam. Richtig los geht es erst nach etwa 40 Sekunden, der Gesang setzt sogar noch später ein. Immer wieder treibt sich die Musik selber an, nur um sich kurz darauf wieder zurückzunehmen. So unterschiedlich die Songs auch sein mögen, die ähnlichen Songwriting-Ideen schließen den Kreis dort, wo man es nicht vermutet hätte.

Die Musik von Twoonacouch ist wie ein Puzzle, bei dem jedes einzelne Teil unabdingbar ist. Das Dreiergespann wartet dabei oftmals bis ein Song weit fortgeschritten ist, um das letzte fehlende Element zu ergänzen. Als würden sie die Musik vermenschlichen, über eine bestimmte Zeit immer wieder neue Erfahrungen machen und Erkenntnisse gewinnen. Irgendwann kommt dann alles zusammen und ergibt einen Sinn. Das Trio ist dabei nicht zwanghaft auf Spannung aus, sondern erschafft sie ganz natürlich. Die Luzerner wissen so gut, was sie an ihren Instrumenten machen müssen, um Stimmung und Emotionen zu erzeugen, dass der Instrumental-Track „Silhouettes“ nicht wie ein bloßes Interlude klingt, sondern wie ein gleichgestellter Song – nur eben ohne Gesang. Hier waren Vocals eben einfach nicht notwendig.

Wo das verspielte, nicht selten abgehakt-melodiöse Gitarrenspiel Jubelrufe provoziert, sorgt der Bass für Atmosphäre – und das gerne auch so düster und drückend, dass man direkt an die eigenen Probleme und Unzulänglichkeiten erinnert wird. Handelt „You“ davon, wie man nicht nur andere, sondern besonders auch sich selbst belügt; wie man versucht, sich einzureden, alles sei okay und es ginge einem gut, vertont die vergleichsweise dunkle Musik das schlechte Gewissen, das nach solchen Lügen einsetzt. Ganz so einheitlich sind Twoonacouch allerdings nicht immer. „Bad Stories“ beschreibt lyrisch den Versuch, durch übermäßigen Alkoholkonsum für eine Nacht seine Ängste und Probleme zu vergessen – und den Morgen danach, wenn die Realität ihr grausames Gesicht zeigt. Musikalisch fährt er dagegen eine ähnliche fröhlich-leichte Linie wie das stimmungsvolle „Sleepy Trees“, welcher der Verspieltheit der Natur einen Soundtrack widmet.

Positives und Negatives geht auf „And I Left“ Hand in Hand. Dachte man, „Love Song“ von The Cure sei das ultimative Liebeslied, macht „Places“ Robert Smith und Co. nun gewaltig Konkurrenz. Die Drums treiben dort an, wo Gitarre oder Gesang den Moment  noch ein wenig auskosten wollen. So lange bis Imgrüth genug Selbstbewusstsein gesammelt hat, um auch hier seinen Gefühlen freien Lauf zu lassen.

When you’re looking into my eyes, do you see my heart, do you see my soul, do you see anything? Cause every time I look into your eyes I can see the world. Cause everything we are is everything we’ll ever be. Everything we have is everything we’ll ever be.”

Twoonacouch sagen, sie möchten mit ihrer Musik und ihrem Debütalbum „And I Left“ eine Utopie finden. Einen Platz, an dem sie sich wohlfühlen. Ihre eigene, kleine Welt. Scheinbar vollkommen unbeabsichtigt haben sie nun aber einen wunderschönen Ort kreiert, an dem sich jeder Freund modernen, alternativen Emos pudelwohl fühlen dürfte.

Das Review ist erstmals auf stageload.org erschienen.

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