Earl Grey – The Times You Cross My Mind

2015 haben Earl Grey mit ihren EPs „Ready To Leave” und „Passing Time” Fans von melodischem Punk gleich zwei Gründe für Freudenschreie geliefert – selber ist das Quintett bis heute allerdings nur mit seinem Debüt zufrieden. Bei der zweiten Platte seien sie zu vorschnell gewesen. Sie wollten unbedingt etwas aufnehmen, wodurch der Sound leider leiden musste. Das Ziel für das dritte Werk war also klar: Es musste noch besser als die erste EP werden, damit die Enttäuschung über den Zweitling bald in Vergessenheit geraten könnte. Auf dem ersten Blick eine Mammutaufgabe, ist die Messlatte doch unwiderlegbar hoch – und doch, sie schaffen es.

Earl Grey sind auch auf ihrer dritten EP „The Times You Cross My Mind“ ein undefinierbarer Hybrid aus Pop-Punk und Hardcore: Melodisch, schnell und erbarmungslos ehrlich. Wer auch immer der Band so das Leben zur Hölle gemacht hat, man wünscht sich fast, dass derjenige es auch bei einem selber täte – einfach nur, damit man ebenfalls in der Lage ist, solche Texte zu schreiben.

Bereits der Opener „Nothing“ zeigt auf, wie sehr sich die Mönchengladbacher weiterentwickelt haben. Strukturierteres Songwriting mit klarer Linie in Text und Musik. Es beginnt poppig – eine halbe Minute sind vor allem sich wiederholende Gitarrenmelodien zu hören, auf die jede reinrassige Pop-Punk-Band stolz wäre. Nicht sonderlich abstrakt oder komplex, dafür aber mit starkem Wiedererkennungswert. Doch Earl Grey sind auch mit „The Times You Cross My Mind” nicht zu den Pop-Punk-Ufern übergelaufen. Der Beweis steht mit Schreihals Malte Unnasch am Mikro: „You never knew me well, you knew my body not my face. I know I’m just a trophy you put in your shelf“.

Ebendieser Gegensatz ist der Grund, dass Earl Grey so interessant und – man mag es kaum glauben – tatsächlich einzigartig sind. Sie lassen sich nach wie vor in keine Schublade stecken. Musikalisch durch und durch Pop-Punk, gesanglich definitiv Hardcore. Es wird gar nicht erst versucht, hier auf einen Nenner zu kommen, viel lieber stehen sich hier zwei Extrema gegenüber und könnten sich kaum besser ergänzen.

Ebenso wie bei „Nothing“ beginnen auch „Never Sleep“ und „Snake Hips“ mit langen verspielt-melodischen Intros, allerdings ziehen sich hier die Lyrics nicht so konsequent und ohne Pausen durch. Bei beiden Tracks wird der Musik mehr Raum gelassen. Die Vocals pausieren hier und da, wodurch der erbarmungslose Charakter zwar ein wenig zurückgeht, doch die Gegensätze zwischen Pop und Hardcore noch deutlicher werden. Ganz besonders sieht man dies auch bei „Sink“. Die Vocals beginnen direkt – rau wie eh und je – und kommen nach ruhigen Instrumental-Parts noch frustrierter und wütender daher: „I think of me thirty years ahead, it can’t be worse than being dead. The lucky one’s die in their sleep, the other one’s stay here to bleed”.

„Hollow“ beendet das Ganze schließlich. Bereits im Spätsommer 2016 erschienen, könnte der Track auch problemlos auf der „Passing Time“-EP zu finden sein – nicht direkt zeitlich, aber der Sound ähnelt dennoch den Songs der zweiten Platte. Seinen verdienten Platz hat er aber nun auf „The Times You Cross My Mind“ gefunden und obwohl die anderen vier Songs auch ohne ihn einen sehr stimmigen Nachfolger bilden würden, rundet er die Platte noch mehr ab.

Würde man sich nur die großen Veränderungen ansehen, müsste man zweifellos sagen, Earl Grey hätten sich seit ihrem Rekord-Release-Jahr 2015 kaum weiterentwickelt. Sie machen noch immer das, was sie auch schon vor zwei Jahren gemacht haben: Etwas, das sich nicht kategorisieren lässt, aber unwiderlegbar gut ist. „The Times You Cross My Mind“ schließt dort auf, wo „Ready To Leave” und „Passing Time” geendet haben – hat mit seiner beeindruckenden Hit-Dichte aber noch viel mehr zu bieten! Earl Grey wollten sich Zeit nehmen und etwas schreiben, was alles übertrifft, was sie bislang veröffentlich haben. Mission erfolgreich ausgeführt.

Das Review ist erstmals auf stageload.org erschienen.

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