Renke (Zeitstrafe): „Der DIY-Begriff ist im Punk oder Indie altbacken und uncool geworden.“

Zeitstrafe aus Hamburg gehört seit 2003 zur DIY-Punk-Kultur Deutschlands und neben der ersten Band American Tourists gehören mittlerweile auch Matula, Sandlotkids, Captain Planet, Tigeryouth und Adolar ins Roster. Pünktlich zum 15-jährigen Jubiläum erzählt Gründer und Chef Renke, warum er das Label überhaupt ins Leben gerufen hat, was ihm bei „seinen“ Bans besonders wichtig ist und welche Entwicklungen er in den letzten Jahren in der DIY-Szene beobachten konnte.

Was hat dich zum großen Genrekonstrukt des Punk gebracht?

Ich habe in meiner Kindheit viel Guns N‘ Roses gehört, das war meine erste Erfahrung mit härterer Musik. Mein Bruder besaß die „Appetite For Destruction“, ich durfte sie mir überspielen und habe die total vergöttert. Über die Rock Hard habe ich dann von dem Hamburger Mailorder Malibu erfahren, der neben Rock- und Pop-Sachen auch Punk hatte – und wo es die Plastic Bomb gab, ein dickes Magazin über Punk, bei dem auch noch eine CD beigelegt wurde und das für nur ein paar Mark. Das fand ich einen wahnsinnig guten Deal! Über das Heft habe ich von weiteren Mailordern, Labels, Bands, usw. erfahren. Besonders der Vitaminepillen Mailorder war für mich als Teenage Punk sehr wichtig, dort habe ich mir wahnsinnig viele Platten, Tapes und Fanzines gekauft. Das war Mitte der 90er mein Startschuss, ab da ging es richtig los.

Was war generell das erste Album, das du dir mit deinem eigenen Geld gekauft hast?

Meine erste eigene Platte war „Hear What I Say” von C.C. Catch. Ich glaube, die Sängerin wurde anfangs von Dieter Bohlen produziert, hat aber später ihr eigenes Ding gemacht. Ihren Dance-Pop fand ich als Kind richtig gut! (lacht)

Kannst du dich auch noch an dein erstes Konzert erinnern?

Das waren die Toten Hosen in der Kieler Ostseehalle – für Punk also ein klassischer Einstieg. Ich bin mir nicht sicher, ob ich nicht schon vorher auf dubiosen Stadtfesten eine Live-Band gesehen habe, aber das war mein erstes richtiges Konzert. Ich kann mich noch daran erinnern, dass ich es unfassbar laut fand und dachte, mein Kopf würde jeden Moment platzen – ich hatte mir natürlich auch nichts in die Ohren gemacht.

Warum hast du Zeitstrafe gegründet?

Während eines Spanien-Urlaubs haben drei Freunde von mir, die ich teilweise schon aus dem Kindergarten kenne, die Band American Tourists gegründet. Weil ich bei dem Urlaub nicht dabei war, aber auch nicht dumm daneben stehen wollte, habe ich die Rolle des Organisators und Antreibers übernommen, die Jungs auf die DIY-Szene aufmerksam gemacht und ihnen mit Konzerten geholfen. Später habe ich ihre Platte herausgebracht, was gleichzeitig der Startschuss für das Label war. Von da an ging es im Schneeballsystem weiter.

„Ich dachte mir: Ich bin doch nur ein Typ, der Platten herausbringt.“

Hast du dein Label „Zeitstrafe“ genannt, weil du damals nicht mit deinen Freunden nach Spanien gefahren bist und du dadurch nicht Teil der Band wurdest? Als Anekdote für schlechtes Timing?

Das wäre eine coole Geschichte (lacht), aber nein. Ich wollte auf jeden Fall irgendwas mit „Zeit“ haben und dachte zunächst an „Zeitgeist“, was es aber tatsächlich schon als Label-Namen gab. Ich habe dann einfach im Wörterbuch nachgeschlagen, was es sonst noch für Wörter mit „Zeit“ gibt (lacht). Ich mochte den Sport-Bezug an „Zeitstrafe“, weil viele Bands und Labels in der Hardcore Szene Sport-Referenzen im Namen hatten und wusste, dass es nichts mit „Records“ werden sollte, weil mir das zu posermäßig war und direkt nach Plattenfirma klingt. Ich dachte mir: Ich bin doch nur ein Typ, der Platten herausbringt.

Wusstest du bei American Tourists schon, was du da eigentlich machst? Wie du an die Sache herangehen musst?

So richtig wusste ich es natürlich nicht, aber bis dato hatte ich schon viele Jahre lang DIY-Punk studiert und durch Anzeigen, Fanzines und andere Leute fragen konnte man sich auch leicht solches Wissen aneignen. Das Studio zum Aufnehmen der American Tourists Single haben wir beispielsweise gefunden, weil in der Platte der Band Angstzustand aus Flensburg, die wir alle total super fanden, eine Telefonnummer als Studio-Kontakt angegeben war. Letztlich habe ich aber auch einfach drauflos gemacht und gerade am Anfang vieles gar nicht bedacht. Als die Platte fertig war, habe ich mir einfach die Plastic Bomb geschnappt, nach Mailordern geschaut, denen geschrieben und gefragt, ob sie die nicht in ihr Programm nehmen wollen.

Inzwischen hast du Alben von sehr vielen und sehr unterschiedlichen Künstlern veröffentlicht. Wie wählst du Musiker und Bands aus?

Da gibt es keine Faustregel, sehr oft ist es durch Zufall passiert. Ich habe Bands auf Tour kennengelernt, viele Bands live gesehen oder bei Leuten übernachtet, die uns dann noch beim Frühstück die Musik ihrer Band vorgespielt haben. Ich schaue eher weniger strategisch und gezielt, welche Bands es in Deutschland gibt, die für Zeitstrafe interessant wären. Oft werden einem auch Sachen von Bekannten oder Freunden ans Herz gelegt.

Mir ist es wichtig, dass eine gewisse Haltung dahintersteckt und die Inhalte nicht komplett schwachsinnig sind – doof oder albern können sie meinetwegen sein, aber nicht rassistisch, sexistisch oder homophob.

Bist du Fan deiner Bands?

Na klar, unbedingt! Das ist Grundvoraussetzung!

Ich habe manchmal auch bei kleineren Labels das Gefühl, dass sie irgendwann nicht mehr nur das im Blick haben, was ihnen selber gefällt, sondern auch schauen, was bei dem Publikum ankommen wird und womit sie tatsächlich Geld verdienen können.

Ich könnte mein Label so nicht machen, obwohl ich unromantischerweise sagen muss, dass Geld auch bei Zeitstrafe Thema ist, einfach damit ich weiterhin das Label betreiben kann. Ich würde allerdings nie nur aus finanziellen Gründen eine Platte herausbringen. Vielleicht, wenn ich für ein anderes Label arbeiten würde, aber zu Zeitstrafe passt es nicht.

„Ich sehe im Punk-/Indie-/Hardcore-Bereich sehr viel aufdringliche Like-Geilheit und dass gerne der schnellste und erfolgversprechendste Weg gewählt wird.“

Hast du das Gefühl, dass der DIY-Gedanke zurückgeht?

Ich glaube, dass er, weil man heute leicht zuhause Sachen aufnehmen kann oder sich KünstlerInnen durch Social Media sehr einfach selber in Szene setzen können, neu beflügelt wird. Man muss nicht mehr in ein riesiges Studio gehen und eine Soundkoryphäe an der Hand haben, die dort irgendeine Magie betreibt. Mit simplen Photoshop-Kenntnissen kann sich auch jeder selber ein Cover basteln, auch eine Videoproduktion kann sehr viel schneller, einfacher und günstiger passieren.

Andererseits ist die Geduld nicht mehr vorhanden, den Weg zu gehen, den Bands früher oft gegangen sind: Ein Demo aufzunehmen, ein paar Konzerte zu spielen, an diesen Live-Erfahrungen zu wachsen, neue Songs zu schreiben, viel Zeit im Proberaum zu verbringen, usw. Heutzutage wollen Bands am liebsten sofort und unmittelbar bekannt werden. Dieses „wir sind vielleicht eine kleine Band, aber dafür geiler als bekannte Bands und machen auch nicht jede peinliche Scheiße mit“ und ein sich daraus entwickelnder „Underground-Stolz“ gibt es leider nicht mehr allzu oft (lacht). Ich sehe im Punk-/Indie-/Hardcore-Bereich sehr viel aufdringliche Like-Geilheit und dass gerne der schnellste und erfolgversprechendste Weg gewählt wird.

DIY heißt aber auch nicht, dass man wirklich alles alleine machen muss – mache ich ja auch nicht. Ich habe einen Vertrieb, der meine Platten in die Läden stellt, und einen Digital-Vertrieb, der dafür sorgt, dass sie auf Spotify sind. Ich drucke die Shirts auch nicht selber. Ich benutze den Begriff aber sehr gerne, weil er gerade im Punk oder Indie ein bisschen altbacken und uncool geworden ist. Ich glaube, im Hip Hop kann man sich derzeit noch als DIY bezeichnen, ohne dass die Leute direkt gähnen und denken, man sei ein hängengebliebener, dogmatischer Spacken.

Das 15-jährige Zeitstrafe Jubiläum soll im Herbst mit einer Tour mit Captain Planet, Matula und Deutsche Laichen gefeiert werden. War es deine Idee?

In den letzten Jahren haben mich immer wieder Leute und Bands auf so eine Label-Tour angesprochen, aber ich habe mich lange dagegen gewehrt. Jetzt zum 15-Jährigen passt es allerdings und ein weiterer Grund ist, dass die sehr gut untereinander befreundeten und sich Musiker teilenden Bands Captain Planet und Matula schon lange keine Tour mehr zusammen gespielt haben, darauf aber total Lust haben. Letztlich war es meine Idee, aber sie ist auch durch andere entstanden.

Gibt es eine Band, die du gerne früher entdeckt hättest?

Ich hätte Frightened Rabbit gerne früher entdeckt. Ich kenne sie erst, seit der Sänger vor Kurzem verstorben ist, weshalb auch einige meiner Freunde traurig waren. Für mich war es der Auslöser, sie mir überhaupt mal anzuhören, so ätzend das auch klingt. Eigentlich ist es total lame, eine Band posthum abzufeiern, aber ich finde sie total toll und hätte sie gerne schon länger gekannt – und durch einen schöneren Anlass entdeckt.

Stell dir mal vor, während der Label-Tour im Oktober geht plötzlich das Navi kaputt, kein Handy hat mehr Empfang, die Straßenkarte brennt, ihr verfahrt euch ganz schlimm und landet auf einer einsamen Insel. Du darfst ein Album dorthin mitnehmen – welches wäre es?

Guns N‘ Roses, „Appetite For Destruction! Ich freue mich schon, die anderen damit den ganzen Tag zu nerven. Und mit dem ersten Song „Welcome To The Jungle“ hätten wir auch direkt das perfekte Intro für unser neues Leben auf der Insel.

Im Oktober findet die „Kein Grund zum feiern: 15 Jahre Zeitstrafe Tour“ mit Captain Planet, Matula, Deutsche Laichen und Gäste statt. Tickets gibt es hier.
08.10.2018:  Berlin – Lido
09.10.2018:  München – Hansa 39
10.10.2018:  Wien (AT) – Arena
11.10.2018:  Wiesbaden – Schlachthof
12.10.2018:  Köln – Gebäude 9
13.10.2018:  Hamburg – Uebel & Gefährlich

Foto: Renke, Zeitstafe

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