Matula: „Wir sind eine ökonomisch arbeitende Band: Was wir anpacken, finden wir auch gut!“

Morgen (24.08.) erscheint via Zeitstrafe nach vier Jahren das neue Album von Matula: „Schwere“. Im Interview erzählt Bassist Stefan Beitz (zweiter von links) unter anderem, warum so ein Vierjahresrhythmus gar nicht so schlimm ist, es so schnell keine englischsprachigen Texte von ihnen geben wird und was sein größtes Problem mit der Band ist.

Weißt du noch wie du zum ersten Mal mit dem großen Genrekonstrukt des Punk in Berührung gekommen bist?

Ich habe einen drei Jahre älteren Bruder, der in Neumünster auf einer Antinazidemo war, wo auch Turbostaat gespielt haben. Dort hat er sich „Flamingo“ geholt und sie danach immer im Auto gespielt. Ich weiß noch, dass ich die Platte gehört habe und zum Anfang nichts damit anfangen konnte – der Sänger bellt ja auch einfach nur rum. Irgendwann bin ich allerdings doch in das ganze Ding reingekommen und habe nachgeforscht, was die Vorläufer von Turbostaat sind.

Was war dein erstes Album?

Ich habe zu Weihnachten zusammen mit einer Kompaktstereoanlage die „Planet Punk“ von den Ärzten geschenkt bekommen. Das erste selbstgekauft Album dürfte „Tourism“ von Roxette gewesen sein.

Und dein erstes Konzert?

Ich komme aus Schleswig-Hostein und da ist es ganz klar, dass man, wenn man einigermaßen gut behütet aufwächst, das erste Konzert ein Torfrock-Konzert ist – beinharte Bagaluten Wiehnacht in der Ostseehalle! Aber frag mich nicht, welches Jahr das war (lacht).

Morgen erscheint euer neues Album „Schwere“ – vier Jahre nach „Auf allen Festen“. Warum hat es so lange gedauert?

Mittlerweile kann ich das gar nicht mehr beantworten. Es ist immer dasselbe: Wenn wir anfangen, eine Platte zu schreiben, sind wir eigentlich zeitlich sehr gut beieinander, aber dann passieren irgendwelche Dinge, die alles verzögern. Sei es, dass wir im Laufe des Schreibens merken, es ist noch nicht genau das, was wir wollen; bei der letzten Platte kamen uns immer wieder Sachen von außerhalb in die Quere. Inzwischen habe ich mich damit abgefunden, dass wir diesem Vierjahreszyklus wohl niemals entrinnen werden (lacht).

So wird es für das Publikum wenigstens nicht so schnell langweilig.

Besser eine Band macht alle vier Jahre etwas, als dass sie alle zwei Jahre mit einem Album um die Ecke kommt und man irgendwann denkt „ach, schon wieder?“.

Habt ihr denn auch die drei, vier Jahre an „Schwere“ gearbeitet?

Tatsächlich ja. Konstant.

„Wir sind eine ökonomisch arbeitende Band: Was wir anpacken, finden wir auch gut!“

Sind die Songs, die ihr vor beispielsweise drei Jahren geschrieben habt, für euch denn noch immer aktuell?

Ich habe immer die Angst, dass Songs, die vor Jahren entstanden sind, jetzt schon nicht mehr interessant sind. Wir sind allerdings eine ökonomisch arbeitende Band: Was wir anpacken, finden wir auch gut! Wir schreiben für eine Platte nicht 30.000 Songs, um später auszuwählen. Wir schreiben vielleicht 13, die wir alle gut finden – und die sind für uns dann auch immer noch aktuell. Im Laufe der Zeit werden ältere Sachen natürlich nochmal überarbeitet, aber allgemein sind es immer Songs, die wir aufnehmen und geil machen wollen.

Mir ist aufgefallen, dass textlich sehr häufig negative Aussagen gemacht werden. Zum Beispiel: „Zwischen all den Jahren war diese Stadt schon immer kalt“, „keine Freundschaft mehr, keine Lügen mehr“ – wobei es hier noch einen positiven Richtungswechsel gibt – „solange ich meine Zeit absitze“, „die Brücken am Fluss stürzen ein“ oder „all mein Mut seit Monaten vergraben“. Bis auf zwei, drei Songs sind alle sehr traurig.

Genau deswegen heißt die Platte „Schwere“ (lacht) und das ist auch der rote Faden. „Auf allen Festen“ hat sich mit FOMO befasst – alles mitnehmen, alles auskosten. Vier Jahre später ist man ein bisschen älter, man bleibt kurz stehen, hält inne und überlegt, ob es wirklich genauso gut ist wie man denkt oder dachte, dass es ist. Man erkennt, dass doch nicht alles so geil ist. Es gibt Situationen im Leben, in denen man nicht weiß, wie es weitergehen soll – da schleicht sich automatisch eine gewissen Schwere ein. Wenn man große Entscheidungen trifft und eine Familie gründet, muss man sich fragen, wie es denn nun weitergeht. In welche Richtung kann ich gehen?

Musikalisch ist es weniger poppig als noch bei „Auf allen Festen“, allerdings noch immer so sehr, dass es erst nach mehrmaligem Hören wirklich auffällt wie negativ die Texte tatsächlich sind – so sehr lenkt die Musik davon ab. Ist der starke Kontrast für euch wie der Silberstreif am Horizont?

Ganz genau – auf „Schwere“ spielen wir mit den Kontrasten. Die Texte sind negativ, die Musik hingegen poppig. Die Situation ist echt scheiße, aber man ist mit der ganzen Sache nicht alleine. Wir versuchen auszudrücken, was viele Leute in dieser Situation denken. Das Album sollte auf mehreren Ebenen stattfinden.

Die letzte Zeile im Titeltrack „Schwere“ lautet „mach irgendwas“ – der Aufruf, seinen Hintern hochzukriegen, nicht nur zu beobachten, sondern auch aktiv zu werden?

Es ist die Schlussfolgerung aus dem, wenn man innehält und schaut, was gerade passiert. Man verharrt in einer gewissen Starre, weiß nicht wie es weitergeht – aber es muss weitergehen! Obwohl man vielleicht nicht weiß, wie es weitergehen soll, muss man den Glauben daran bewahren, dass es weitergehen wird. Dass man durchaus Dinge tun kann, um diese Situation zu verändern.

Schreibt ihr die Texte zusammen?

Bei der letzten Platte haben Thorben und ich uns die Texte etwa 50:50 aufgeteilt, jetzt haben wir aber alle daran geschrieben. Thorben und ich sind oft mit Textideen angekommen, worauf wir uns zusammengesetzt und darüber diskutiert haben: Was wollen wir aussagen? Was klingt noch nicht gut? Ist es noch zu positiv (lacht)? „Thorben, was hast du dir denn jetzt dabei gedacht?“, „Beitz, was möchtest du denn damit aussagen?“, „Diese Zeile verstehe ich überhaupt nicht.“. Wir haben uns gegenseitig die Bälle zugeworfen, wodurch die Texte zu einer Gemeinschaftsarbeit geworden sind.

Das klingt ein wenig, als würde man selbstgeschriebene Gedichte im Deutschunterricht besprechen.

Das größte Problem, das ich in dieser Band habe, ist, dass Thorben und Beier Lehrer sind (lacht). Dadurch wird viel diskutiert – aber zum Glück nicht wie in einem Deutsch-LK.

Habt ihr das auch bei der Entwicklung des Schwere-Oberthemas gemacht?

Nein, das Konzept kommt erst, wenn die Platte fertig ist. Die Songs sind fertig, man braucht aber noch einen Albumtitel. Also hört man sich die Songs an und auf einmal fällt auf, dass sie alle in dieselbe Richtung gehen. Das hat man vorher nicht geplant, aber bei uns passiert es einfach so.

„Es sollte alles nach Sunny Day Real Estate klingen, war aber einfach nicht geil.“

War es für euch jemals ein Thema, englischsprachige Songs zu schreiben?

Nein. Ja, gut, doch. Okay, jetzt kommen die schlimmen Sachen (lacht). Im ersten Jahr unserer Band haben wir tatsächlich englischsprachige Musik gemacht, aber frag mich nicht wie das geklungen hat. Das waren sehr schlimme Emo-Texte. Es sollte alles nach Sunny Day Real Estate klingen, war aber einfach nicht geil. Irgendwann haben wir geschaut, ob es auf Deutsch nicht besser geht und glücklicherweise war dem so. Es wäre sonst nicht gut geworden (lacht).

Ihr geht im Oktober auf die „Kein Grund zum Feiern: 15 Jahre Zeitstrafe Tour“ unter anderem Captain Planet und Deutsche Laichen. Wusstet ihr schon vor Tourankündigung, das Album würde passend fertig werden?

Wir haben im September letzten Jahres auf dem Salz Fest in Osnabrück gespielt und eigentlich war geplant, dass das Album einen Monat später rauskommt – es sollte eine Art warm up-Konzert werden – aber dann, naja. Da kommen wir wieder auf den Vierjahresrhythmus zurück (lacht).

Wenigstens hat man dadurch erfahren, dass Matula nicht ganz in der Versenkung verschwunden sind und im besten Fall bald etwas kommt.

Wenn der alte, marode Körper Zuckungen von sich gibt, kann man davon ausgehen, dass irgendwas noch passiert (lacht).

„Kein Grund zum Feiern: 15 Jahre Zeitstrafe Tour“ mit Captain Planet, Matula, Deutsche Laichen und Gäste statt. Tickets gibt es hier.
08.10.2018:  Berlin – Lido
09.10.2018:  München – Hansa 39
10.10.2018:  Wien (AT) – Arena
11.10.2018:  Wiesbaden – Schlachthof
12.10.2018:  Köln – Gebäude 9
13.10.2018:  Hamburg – Uebel & Gefährlich

 

Foto: Daniel Möring

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