Liebe Frau Gesangsverein: „Der weibliche Gesang ist unser Alleinstellungsmerkmal.“

Girls up front! Liebe Frau Gesangsverein verbinden Punkrock mit dem ausdrucksstarken Gesang ihrer Frontfrau! Am 23. Februar veröffentlicht das Quartett sein Debütalbum „Nackt“ bei roaring disc records – passend zur exklusiven Radiopremiere der Single „Hier sein ist so schwer“ (14. Februar) habe ich mich mit Bassist Christoph Korb unter anderem über ihr besonderes Alleinstellungsmerkmal und natürlich ebenjenen Song gesprochen.

Kannst du dich noch daran erinnern, wie du zum ersten Mal mit Punk beziehungsweise der Musik, die ihr als Liebe Frau Gesangsverein macht, in Berührung gekommen bist?

Ich habe von meinem Cousin mal ein Mixtape mit unter anderem Gorilla Biscuit und Agnostic Front bekommen, was mein Einstieg zu Punk und Hardcore war.

Was war denn das erste Album, das du dir selber gekauft hast?

Ich war anfangs eher im Hardcore unterwegs, deswegen war es wahrscheinlich „Of The Walls (?) von Youth Of Today. Ich habe auch Queen und andere Sachen von meinen Eltern gehört, aber ich glaube, die erste eigene Platte war von einer Hardcore-Band.

Und was war dein erstes Konzert?

Das erste alternativangehauchte Konzert war New Model Army in Düsseldorf, dort war ich zusammen mit unserem Gitarristen Ralph. Das erste Harcore-Konzert war 1992 oder 93 Slapshot im Haus der offenen Tür in Koblenz. Ein kleiner Raum mit Stagedives – das war total wild und aufregend.

Facebook sagt, ihr hättet Liebe Frau Gesangsverein 2016 gegründet und auch bereits ein halbes Jahr später das erste Album fertig gehabt – allerdings ist „Nackt“ doch jetzt das Debütalbum, oder?

Genau, das erscheint am 23. Februar, ist aber schon ein halbes Jahr nach Neugründung beziehungsweise Umformation der Band entstanden. Ralph und ich machen schon seit Ewigkeiten zusammen Musik und haben auch in der Vorgängerband Another Day gespielt. Als die umgeformt wurde, haben wir uns vorgenommen, im März 2016 mit Ben und Ricarda einen Neustart zu machen und dann ging es auch ziemlich schnell ins Studio.

Ist es nun eine komplett neue Band oder habt ihr Another Day „weitergezogen“?

Ralph ist unser Hauptsongwriter und hat auch schon bei Another Day die Lieder hauptverantwortlich gestaltet. Da ist also schon viel Ähnlichkeit zu spüren, allerdings eher die nächste Entwicklungsstufe. Wenn man Another Day hört, merkt man aber auch, wo das, was jetzt bei Liebe rau Gesangsverein passiert, herkommt. Dem Deutschsprachigen sind wir jetzt auch nach wie vor treu geblieben, haben nur jetzt mit der Ricarda eine Frau am Gesang – aber auch dort die Tradition bewahrt, dass wir uns im Koblenzer Freundeskreis bedient haben. Durch die hiesige Szenengemeinschaft kennen wir uns schon lange.

Der Hauptfokus bei euch liegt oftmals bei dem weiblichen Gesang – dass eine Frau am Mikro steht und kein Mann. Ist es komisch, dass ihr ausgerechnet auf diese super simple Tatsache „minimiert“ werdet?

Wir haben uns schon gedacht, dass der weibliche Gesang und Ricardas Texte unser Alleinstellungsmerkmal sind und mit dem Bandnamen piksen wir auch in dieselbe Richtung. Es ist nicht unser Konzept oder Plan, aber als wir gesehen haben, in welche Richtung sich Texte und Gesang entwickeln, war uns klar, dass dort der Fokus liegen würde.

„Es kommt einem Seelen-Striptease sehr ähnlich.“

„Nackt“ ist im ersten halben Jahr eurer Band entstanden, aber wie lange habt ihr denn an dem Album gearbeitet?

Grundzüge von einzelnen Songs waren schon da, bevor Ricarda zur Band gestoßen ist. Richtig angefangen haben wir aber im Herbst 2016 und sind ein Dreivierteljahr später ins Studio gegangen. Durch den Feinschliff hat es dann kein halbes Jahr gedauert, sondern etwa eineinhalb Jahre.

Ich interpretiere gerne viel in Alben rein. Stammt der Titel „Nackt“ daher, dass vor allem persönliche Texte in der eigenen Sprache gerne einem Seelen-Striptease nahekommen?

Das hat die deutsche Sprache als Vor- und Nachteil in sich. Man kann besser über die Dinge reden, die einen bewegen, und da man die eigene Sprache benutzt, hat man ein größeres Vokabular – dann kommt es einem Seelen-Striptease oder einer „wir-machen-uns-nackt“-Situation sehr ähnlich. Unsere Texte sind sehr persönlich und feminin und das ist mit dem Wort „nackt“ ganz gut ausgedrückt. Ein Nachteil ist, dass deutsche Texte oder Zeilen gerne als flach angesehen werden und in eine Schlager-Schiene oder Oberflächlichkeit interpretiert werden können. Ich glaube allerdings, dass dies bei unseren Texten nicht der Fall ist. Dort steckt viel Persönlichkeit und Erfahrung drin.

Ich darf „Hier sein ist so schwer“ Radiopremiere feiern lassen – warum habt ihr euch ausgerechnet für diesen Song als nächste Single entschieden?

Es ist einer der ganz frühen Songs und er hat uns bereits bei der Entstehung sehr gut gefallen. Als wir mit unseren zehn Rohlingen ins Studio gegangen sind, haben sich manche Lieder noch weiterentwickelt und „Hier sein ist so schwer“ ist unserer Meinung nach sehr schön aufgegangen. Gleichzeitig haben wir mit einer Freundin zusammengearbeitet, die uns dazu ein Video produziert hat und Mitspracherecht hatte. Genau wie wir hat sie sich auch für diesen Song entschieden.

Besonders ist, dass er durch eine neue Herangehensweise der Textverfassung entstanden ist. Ricarda hat sich einen Oberbegriff gesetzt und dazu einzelne Wörter und Bilder eingefangen und darum den Text formuliert. „Hier sein ist so schwer“ ist eine Zustandsbeschreibung, die im Text mit verschiedenen Bildern umschrieben wird.

Ein bisschen sind wir auch über das Ausschlussverfahren rangegangen. Andere Songs haben sich weniger für die zweite Single und auch weniger für ein Video geeignet. Bei längeren Stücken ist es schwierig, sie bildlich umzusetzen, weil sie auch strukturell eher ungewöhnlich sind. „Nächtliche Gespenster“ baut sich zum Beispiel langsam auf und hat keine großartigen Wiederholungen. Bei „Hier sein ist so schwer“ ist das eher der Fall, hier ist mit Intro-Strophe-Refrain-Strophe-Refrain-C-Teil eine klare Struktur zu erkennen.

Von anderen Bands mit weiblichen Mitgliedern habe ich bereits gehört, sie würden vom Publikum eher Feedback bekommen beziehungsweise Tipps, wie sie besser Gitarre oder Schlagzeug spielen oder singen könnten. Ist das bei euch auch schon vorgekommen?

Ich persönlich habe es bei uns noch nie erlebt, fände es aber auch sehr frech und komisch, wenn man einem weiblichen Bassisten sagen würde, sie solle sich den Bass mal tiefer schnallen, weil es cooler aussieht. Hast du schon mal so etwas beobachtet?

Solche Kommentare nicht. Allerdings glaube ich, dass man gerade auf Hardcore-Konzerten als Frau eher komisch angeguckt wird als als Mann, wenn man alleine herumläuft.

Das kann ich nachvollziehen. Mit 16, 17 Jahren wusste ich nicht, was man darf und was konform ist, wenn auf einmal auch eine Frau im Pit ist. Ich sehe auch selber weniger Konzerte mit Musikerinnen – in Köln fallen mir nur Angelika Express ein. Da sieht man auch wieder unser schönes Alleinstellungsmerkmal. Wir waren gerade auf der Suche nach einem unterstützenden Gitarristen und haben dabei auch geschaut, ob uns nicht eine Frau helfen könnte. Oberkriterium war natürlich, jemanden zu finden, der am besten zu uns passt, aber es wäre schön gewesen, wenn wir eine weitere Frau in der Band hätten. Ricarda ist mein erstes Erlebnis mit einer Frau in der Band und ich finde das bislang durchweg super.

Verhält man sich in der Band anders, wenn eine Frau dabei ist?

Bis vor Kurzem waren wir ziemlich starke Raucher im Proberaum. Weil Ricarda aber nicht raucht und auch noch singt, waren wir bei reinen Instrumental-Proben sehr viel häufiger an der Zigarette als wenn Ricarda auch dabei war. Generell macht es das Ganze interessanter und spannender.

Gibt es einen Song oder ein Album, das du gerne selber geschrieben hättest?

Seit meiner Jugend bin ich sehr nachhaltig von der ersten Hammerhead-Platte „Stay Where The Pepper Grows“ beeinflusst. Die Platte ist so intensiv und stark – so eine Wirkung würde ich gerne auch mit meiner eigenen Musik erzielen. In Koblenz war es ein Kult-Album, das jeder hatte und mitsingen konnte.

Lass uns noch einen Schritt weitergehen: Stell dir mal vor, du landest auf einer einsamen Insel und könntest nur ein Album mitnehmen – welches wäre das?

„Perfecting Loneliness“ von Jets To Bazil. Ich bin ein ganz großer Fan von Blake Schwarzenbach, der auch schon bei Jawbreaker ganz tolle Sachen gemacht hat. Ich habe „Perfecting Loneliness“ schon tausendmal gehört und kann jede Silbe mitsingen, höre sie aber trotzdem immer wieder gerne, weil sie meine Lieblingsmusik darstellt und auch textlich über alle Maßen meinen literarischen Geschmack trifft.

Foto: Official Press Shot

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