Fenster auf Kipp: „Deutsche Texte sind in dem Sinne schwierig, weil sie jeder verstehen kann.“

Deutsch-Punk aus Osnabrück: Fenster auf Kipp gibt es seit 2009 und nach Besetzungswechseln und Umstrukturierungen steht nun ihre neue EP „Gespenster“ im Haus. Sänger Michael „Stocki“ Stockhowe und Bassist und Sänger Marek Witkowski erzählen von ihren musikalischen Anfängen mit Ami-Punk, Avril Lavigne und Sportfreunde Stiller, die Schwierigkeit, deutsche Texte zu schreiben, und dem Grund, warum sie Muff Potter so schätzen.

Wie seid ihr zum Punk gekommen?

Marek: Ich bin durch meinen Schwager zum Ami-Punk und auch zu den Ärzten gekommen, was ich so cool fand, dass ich immer weiter nachgeforscht habe. Irgendwann habe ich versucht, die Sachen nachzuspielen und bin dadurch noch weiter reingeschlittert.

Stocki: Bei mir war es meine Schwester, die in ihrer Playlist Blink 182 und Sportfreunde Stiller hatte. Ich kannte als kleines Kind beides nicht, weil ich damals nur Radio gehört habe. Von ihr habe ich die Alben bekommen und wenig später sind wir auf das erste Konzert gefahren.

Könnt ihr euch noch an das erste Album erinnern, was ihr euch jemals selber gekauft habt?

Marek: So richtig nicht. Das erste, woran ich mich erinnern kann, was „Geräusch“ von den Ärzten.

Stocki: Ich weiß noch, dass ich mir von Avril Lavigne das Album mit „Sk8ter Boi“ gekauft habe (lacht). Ich war damit ziemlich glücklich und habe es drei Wochen lang rauf und runter gehört. Danach habe ich mir „Burli“ von Sportfreunde Stiller gekauft.

Und was war euer erstes Konzert?

Marek: Bei mir war es ganz früh mit meinem Vater Nazareth; eine Kollegin von ihm kannte den Bassisten. Es war interessant, aber sehr Hard Rock-lastig. Wo ich hinwollte, waren die Beatsteaks.

Stocki: Die waren es bei mir auch! Ich kann mich da noch sehr gut dran erinnern. Meine Schwester hatte da gerade ihren Führerschein und ist mit mir nach Hamburg zum Konzert gefahren. Ich war da zwei Jahre jünger, ich war 16. Es war mein allererstes Konzert und wir hatten Sitzplatzkarten, was total bescheuert war. Ich wollte nach zwei Liedern einfach nur runter in die Meute und mitmachen – was wir irgendwann auch einfach getan haben. Kurz danach war ich bei den Sportfreunden Stiller in Osnabrück. Ach, und als ich sechs oder acht Jahre alt war, war ich noch auf einem Blümchen-Konzert. Da war ich aber nicht freiwillig (lacht).

„Jetzt kann man definitiv einen roten Faden finden.“

Wie lange habt ihr an eurer neuen EP „Gespenster“ gearbeitet?

Marek: Die ersten Fassungen haben wir relativ schnell geschrieben, uns länger gar nicht damit beschäftigt, sie dann wieder angegangen und sind danach ins Studio gegangen – was jetzt aber auch ein Dreivierteljahr her ist. An sich sind die Songs aber schnell entstanden und sind auch zusammenhängender als die, die wir auf der letzten EP hatten. Auf der war es eher eine Sammlung und jetzt kann man definitiv einen roten Faden finden.

Gibt es durch den roten Faden auch thematisch ein Oberthema?

Stocki: Gibt es, ich tue mich allerdings immer schwer damit, es zu benennen, weil es nicht konkret ist. Es geht um Selbsterkenntnis, um Wandel und um Dinge, die einen zu bestimmen Entscheidungen bewegen. Die vielleicht dumm sind, aber auch immer wieder kommen und gegen die man sich nicht wehren kann. Das ist das Oberthema, welches man in jeden Song hineininterpretieren kann.

Warum sind das Intro und „Gespenster“ zwei Songs und nicht nur einer, obwohl sie als einzige fließend ineinander übergehen?

Marek: Unser Gedanke war, dass es bestimmt Leute gibt, die nicht immer auch das Intro hören möchten, sondern nur die Single an sich. In dem Video zu „Gespenster“ spielt das Intro auch keine Rolle. Es war eher als Leitintro in die EP gedacht, als Opener für die Platte. Das Intro haben wir auch gar nicht selber geschrieben, sondern irgendwann mal im Internet gefunden und den Herrn, der es geschrieben hat, angeschrieben, woraufhin er es uns zur Verfügung gestellt hat.

Neben flotten Punkrock-Songs und drückendem Alternative gibt es mit „10.000 Dinge“ auch einen ruhigen Song auf der EP. Ist es für dich ein komisches Gefühl, Stocki, wenn du auf einmal fast alleine auf der Bühne stehst und teilweise gefühlt keine Band im Rücken hast, die von eventuellen Fehlern ablenken könnte?

Stocki: Ich freue mich immer wahnsinnig, wenn der Punkt gekommen ist, an dem die Band wieder einsteigt (lacht). Er macht Spaß, aber das Problem ist, dass, wenn wir ihn live spielen, wir ihn relativ spät spielen. Ich muss immer aufpassen, dass ich vorher nicht schon zu viel rumgeschrien habe, damit die Stimme in den entscheidenden Momenten nicht wegbricht. Es war zudem lange unklar, ob der Song Teil der EP wird. Wir dachten erst, der Song passt am wenigsten zu den anderen, weshalb wir ihn wieder runtergenommen haben. Dann wurde uns klar, dass es schade wäre, wenn wir ihn nicht veröffentlichen würden, also haben wir ihn wieder draufgepackt. Es ging hin und her.

Marek: „10.000 Dinge“ ist einer der ältesten Songs. Er kam immer wieder, aber wir hatten nie das Gefühl, er würde irgendwo reinpassen. Weil er aber nicht ins Konzept passt und eine ganz andere Seite von uns zeigt, haben wir uns viel mit ihm auseinandergesetzt. Eigentlich wollten wir nie bestätigen, eine Band bräuchte eine Ballade – aber vielleicht haben wir es jetzt doch getan (lacht). Um ihn gar nicht zu veröffentlichen, ist der Text aber auch zu gut.

„Deutsche Texte sind in dem Sinne schwierig, weil sie jeder, der uns hört, verstehen kann. Wir fragen uns aber, ob sie sie auch so verstehen, wie wir es wollen.“

Apropos Texte: Findet ihr es schwierig, keine schlechten deutschsprachigen Texte zu schreiben?

Stocki: Es ist sehr schwierig und ich würde auch nicht sagen, dass wir keine schlechten Texte schreiben. Man muss sich immer selber in Kritik stellen. Es ist schwierig, nicht platt zu klingen, keine ausgedroschenen Phrasen zu übernehmen und nicht zu kindisch rüberzukommen. So richtig zufrieden war ich auch bislang mit keinem Song und es gibt sehr viele Entwürfe, die direkt in der Tonne gelandet sind.

Marek: Wir haben in unserem Proberaum einen in einer Wand eingelassenen Tresor, wo bis auf einen Ordner mit alten Texten oder Textideen eigentlich nichts drin ist. Manchmal schauen wir rein und schmunzeln über uns selbst. Den Ordner stellen wir aber auch ganz schnell wieder zurück (lacht). Deutsche Texte sind in dem Sinne schwierig, weil sie jeder, der uns hört, verstehen kann. Wir fragen uns aber, ob sie sie auch so verstehen, wie wir es wollen.

Wenn du so selten mit Texten zufrieden bist, lässt du dich von den anderen überzeugen, dass sie doch nicht so schlecht sind, wie du denkst?

Stocki: Im Regelfall nicht, nein, ich lasse mich ungern überreden. Manchmal überzeugen sie mich, aber wenn ich schon weiß, dass etwas nicht brauchbar ist, dann zeige ich es den anderen auch erst gar nicht (lacht).

Gibt es einen Song oder ein Album, das ihr gerne selber geschrieben hättet?

Marek: Wenn ich richtig gute Songs höre, denke ich höchstens, ich würde gerne mal einen in der Richtung schreiben und nicht, ich hätte ihn gerne selber geschrieben. Aber wenn es etwas wäre, dann von Muff Potter, weil alles im Deutsch-Punk irgendwie mit der Band zusammenhängt. Außerdem klingt Stocki, wenn er einen der Songs mitsingt und ein paar Bier intus hat, wie Nagel (lacht).

Stocki: Das liegt daran, dass ich das „en“ dann gerne verschlucke, das habe ich schon öfter gehört. Leider klinge ich dann aber nur so und schreibe nicht auch auf diese Weise die Songs (lacht). Bei mir wäre es „Born Blöd“ von Muff Potter. Der ist seit über zwei Jahren mein Lieblingssong, er baut sich toll auf, hat eine ganz spezielle Stimmung, geht richtig schön auf und ist am Ende dreistimmig. Ich glaube, es wäre richtig cool, so etwas sein Eigen nennen zu können.

Stellt euch mal vor, ihr verlauft euch auf dem Heimweg von eurer Releaseshow in der Kleinen Freiheit in Osnabrück ganz schlimm und landet plötzlich auf einer einsamen Insel. Ihr könnt ein Album dorthin mitnehmen – welches wäre es?

Stocki: Aus dem Bauch heraus würde ich „Abalonia“ von Turbostaat sagen, da finde ich immer noch jeden Song geil.

Marek: Das würde ich auch direkt mitnehmen!

Foto: Screenshot aus dem Musikvideo zu „Gespenster“.

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