Casey: „Ich sehe keinen Sinn darin, Texte zu schreiben, die nicht persönlich sind.“

2016 hat Tom Weaver (zweiter von rechts) mit „Love Is Not Enough“, dem Debütalbum seiner Band Casey, der gemeinen Zuhörerschaft einen Einblick in seine Psyche gewährt und über seine persönlichen und zwischenmenschlichen Beziehungen gesprochen – so ehrlich, wie es sich sonst nur wenige trauen. Das zweite Album „Where I Go When I Am Sleeping“ (16.03.; Hassle Records) ist nun nicht nur musikalisch weit weniger brutal, sondern auch thematisch ganz anders ausgelegt: Auf die mentalen und körperlichen Krankheiten des Sängers und Texters. Ich habe mit Weaver über den Themenwechsel, die Angst, sich dem Publikum so ehrlich zu öffnen und über den Grund gesprochen, warum Casey weit weniger ist, als nur sein Solo-Projekt – obwohl die Songs alle nur von ihm handeln.

Wie bist du erstmals mit der Musik in Berührung gekommen, die du jetzt selber machst?

Als ich 14 Jahre alt war, hat mir ein neuer Mitschüler, der gerade an unsere High School gekommen ist, das selftitled-Album von The Used gezeigt. Das war meine erste Hinführung an alternative Musik.

Erinnerst du dich denn auch noch an das erste Album, das du dir selber gekauft hast?

Tatsächlich nicht, nein. Bei mir hat es nicht mit dem Kaufen von Musik angefangen – selbst das The Used-Album war eine Raubkopie. Mein Freund hat mir damals auch erklärt, wie man Alben aus dem Internet downloadet (lacht). Ich erinnere mich aber an das erste Alternative-Konzert, das ich gesehen habe: Funeral For A Friend zusammen mit unter anderem The Blackout. Soweit ich es noch weiß, war dieses Konzert das erste Mal, dass ich für alternative Musik Geld ausgegeben habe.

„Als ich angefangen habe, unser erstes Album „Love Is Not Enough“ zu schreiben, wollte ich es richtig machen.“

Gibt es einen speziellen Grund, warum ihr kein weiteres Album über deine persönlichen Beziehungen geschrieben habt, sondern eines, das deine physischen und psychischen Krankheiten wie die chronische Darmentzündung und Depression thematisiert?

Ich denke, ich war mit diesem Thema einfach durch. Alles, was ich zu diesem Thema und zu diesem Punkt in meinem Leben sagen wollte, habe ich bereits gesagt. Würde ich weitere Songs darüber schreiben, würde ich mich einfach nur immer wiederholen und dieselben Geschichten nur mit anderen Worten erzählen. Das wäre Zeitverschwendung und würde auch mich als Künstler nicht reizen. Also habe ich mich einem anderen Kapitel meines Lebens gewidmet.

Wenn ich mir eure Musik anhöre und die Art, wie du deine Texte vorträgst, wirkt es oftmals auf mich so, als würde es dir sehr leicht fallen, so ehrlich über so persönliche Dinge zu sprechen. Musstest du das lernen?

Es war vielmehr eine Entscheidung, die ich getroffen habe. Bis in meine frühen Zwanziger war ich sehr verschlossen, habe mit kaum jemanden über meine Gefühle gesprochen und meine Emotionen immer für mich behalten. Doch als ich angefangen habe, unser erstes Album „Love Is Not Enough“ zu schreiben, wollte ich es richtig machen. Wenn ich diese Dinge schon thematisiere, dann soll es auch zu 100 Prozent ehrlich sein – entweder so oder ich suche mir etwas Anderes, über das ich schreiben kann. Bei „Where I Go When I Am Sleeping“ war es nun genauso: Ich wollte nichts zurückhalten, ich möchte nichts halbherzig machen.

Denkst du darüber nach, was das Publikum über deine Texte denken wird, während du sie schreibst?

Nein. Ich war nie gut darin, Texte auf eine so spezielle Art zu schreiben, dass sie auf jeden Fall andere Leute ansprechen. Ich habe immer für mich geschrieben. Ich beschreibe meine Erfahrungen auf eine Art, mit der ich mich wohlfühle, gebe mir aber trotzdem Mühe, dass sie auch für andere Personen greifbar sind. „Where I Go When I Am Sleeping“ hätte niemand außer mir auf diese Art und Weise schreiben können, aber ich glaube, so, wie die Texte nun formuliert sind, können sie auch andere nachvollziehen und ihre eigenen Interpretationen finden. Ich höre mir gerne an, was Zuhörer über die Lyrics denken, aber das war nie die Motivation, warum ich sie schreibe.

Sprichst du mit den anderen in der Band über die Dinge, die dich beschäftigen und über die du Songs schreibst?

Ich schreibe nie über Dinge, die ich zum gegenwärtigen Zeitpunkt erlebe. Alles geschieht mit einer gewissen Retrospektive, es sind immer Dinge, die in der Vergangenheit geschehen sind. Ein- oder zweimal habe ich allerdings versucht, Songs über etwas zu schreiben, das ich genau zur selben Zeit erfahren habe, doch innerhalb von nur wenigen Wochen habe ich bereits ganz anders darüber gedacht, wodurch das bisher Geschriebene für mich wertlos wurde. Ich fühle mich wohler damit, wenn ich eine Erfahrung komplett durchlebt und verarbeitet habe und erst dann darüber schreibe, wenn ich ganz genau weiß, wie ich mich ausdrücken möchte und das volle Potenzial herausholen kann.

„Für mich selber macht es keinen Unterschied, ob ich etwas singe oder schreie – egal wie, es ist gesagt. Die Stimme ist dabei einfach ein weiteres Instrument.“

Habt ihr für „Where I Go When I Am Sleeping“ irgendwas anders gemacht als noch für „Love Is Not Enough“?

Bis auf drei Songs ist alles erst im Studio entstanden. Das liegt daran, dass sich die Musik bei uns im ganzen Prozess sehr häufig noch ändert und wenn ich einen Song schreibe, fällt es mir schwer, ihn später wegen der Musik noch ändern zu müssen. Aus diesem Grund versuche ich mit dem Texting so lange zu warten, bis die Musik fertig ist. Bislang war es bei jedem Casey-Song so, dass die Musik vor den Texten da war – nur der Opening-Track von „Where I Go When I Am Sleeping“ ist da eine Ausnahme. Die Musik spielt eine große Rolle bei der Entstehung meiner Texte. Je häufiger ich sie höre, desto mehr Ideen bekomme ich für Melodien, die man darüberlegen könnte. Daraus entstehen dann Strukturen für Silben, Wörter und Sätze.

Es ist natürlich etwas schwieriger, dich zu verstehen, wenn du schreist und nicht singst; oftmals muss man die Texte nachlesen. Wann entscheidest du, ob du einen Part schreien oder singen möchtest?

Das kommt oftmals ganz auf die Musik an, auf die wir es natürlich abstimmen wollen. Für mich selber macht es keinen Unterschied, ob ich etwas singe oder schreie – egal wie, es ist gesagt. Die Stimme ist dabei einfach ein weiteres Instrument. Auf „Where I Go When I Am Sleeping” gebrauche ich manchmal zusätzlich kompliziertere Sprache, weshalb Leute wohl auch deswegen die Texte nachlesen werden, um tatsächlich alles zu verstehen. Damit sie sie aber auch auf jeden Fall nachvollziehen können, werde ich die Lyrics auf der Website „genius.com“ veröffentlichen und dort auch Anmerkungen hinterlassen.

„Ich sehe keinen Sinn darin, Texte zu schreiben, die nicht persönlich sind.“

„Love Is Not Enough“ handelt von deinen persönlichen Beziehungen, „Where I Go When I Am Sleeping“ von deinen körperlichen wie mentalen Leiden – es wirkt dadurch, als sei Casey ein Projekt um dich herum und keine „richtige“ Band.

Die Texte handeln alle von mir und meinem Leben, weil ich nie gut darin war, über andere zu schreiben oder mir Dinge auszudenken. Mir fällt es viel leichter, über Dinge zu schreiben, die ich auch selber erlebt habe. Doch hätte ich nicht die vier anderen Jungs in der Band, würden wir nicht diese Anerkennung bekommen – dann wären wir niemals so talentiert und unsere Songs würden nicht so viel Anklang finden. Ich sehe keinen Sinn darin, Texte zu schreiben, die nicht persönlich sind. Ich möchte etwas Intimes schreiben und nichts, das auch von etlichen anderen Bands stammen könnte.

Gibt es dennoch einen Song oder ein Album, das du gerne selber geschrieben hättest?

„The Lack Long After“ von Pianos Become The Teeth, das ist einer meiner Lieblingssongs. Lyrisch handelt er zwar von nichts, das ich auch erlebt habe, allerdings mag ich die Art sehr, wie die Texte vorgetragen werden. La Dispute sind ebenfalls hervorragend darin, ihre Lyrics kraft- und wirkungsvoll vorzutragen.

Foto: Martyna Wisniewska

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