Blaufuchs: „Politik lässt sich von nichts trennen.“

Für die Hildesheimer Punkrock-Band gehen Punkrock und Politik Hand in Hand, Sänger Johannes und Gitarrist Marcel gehen sogar so weit und sagen, die Politik könne man gar nicht mehr aus dem Alltag wegnehmen. Alles sei politisiert – zum Beispiel auch das eigene Verhalten. Diese Einstellung zeigt sich ebenfalls in ihren Texten und dem Musikvideo zu „Wo du herkommst“. Im Interview berichten sie von der Entstehung ihrer EP „Ein Teil von uns“, warum sie hoffen, für immer mit denselben Leuten an ihrer Musik zu arbeiten und was genau sie politisch geprägt hat.

Was hat euch zum Punk gebracht?

Marcel: Meine Brüder hatten ganz starken Einfluss auf mich!

Johannes: Bei mir kam es ganz klassisch durch den Einstiegskram, den man in seiner Jugendzeit gehört hat: Die Ärzte und ZSK zum Beispiel. Ich habe das „MTV unplugged“ von den Ärzten sehr gefeiert.

Was war euer erstes selbstgekauftes Album?

Johannes: Die erste CD war von Incubus, die „A Crow Left Of The Murder…“, davor habe ich mit meinen Eltern ihre alten Platten gehört. Mit 15 begann ich, die Visions zu lesen und in einer Ausgabe war das Album ihre Platte des Monats. Ich kann mich noch gut dran erinnern, wie scheiße ich es anfangs fand, dass „A Crow Left Of The Murder…“ mit einem Fiepen beginnt (lacht). Relativ schnell danach kamen die Beatsteaks. Die ersten Sachen waren damals aber alle gebrannt, gekauft habe ich davon nichts (lacht).

Marcel: Mein erstes war „All Killer, No Filler“ von Sum 41.

Und euer erstes Konzert?

Johannes: Neben kleineren lokalen Konzerten war ich mit einer damals guten Freundin bei den Beatsteaks in Kiel, als sie auf „Smack Smash“-Tour waren. Turbostaat waren Vorband. Wir waren 15, 16 Jahre alt, kamen aus einer Kleinstadt und Konzerte mit 100 Besuchern waren für uns krass. In Kiel waren 2.000 Leute da, von denen 1.000 Hardcore-Turbostaat-Fans waren. Nach der ersten halben Stunde waren alle nass und danach haben die Beatsteaks auch noch eineinhalb Stunden gespielt. Ich kam aus dem Konzert raus und mein Leben war anders. Ich hätte nicht gedacht, dass sowas auf Konzerten passieren kann.

Marcel: Ich war zuerst auf dem Taste Of Chaos-Festival in Bremen, auf dem unter anderem Anti Flag und Taking Back Sunday gespielt haben.

„Es ist nicht möglich, keine peinlichen deutschsprachigen Texte zu schreiben – man darf sie nur nicht raushauen.“

Du hast mir erzählt, Johannes, dass du bei den Aufnahmen zu eurer EP „Ein Teil von uns“ die Texte sehr häufig einsingen musstest. Verlieren sie irgendwann dann die Bedeutung für dich?

Johannes: Wir werden in den nächsten Tagen schon wieder die nächsten Songs aufnehmen und wenn niemand da ist, mache ich als Vorbereitung dafür nichts anderes als die Texte zu singen – pro Tag 20- bis 40-mal, so oft es geht. Wenn unser Produzent Anmerkungen zur Musik gibt – dass wir zum Beispiel einen Akkord tauschen sollten – ist das okay, aber die Texte sind Sachen, die ich genau so haben möchte. Ich bin nicht der größte Sänger, doch je öfter ich sie singe, desto mehr werden sie zu meinen Songs. Wenn ich einen Song nur geschrieben hätte, aber nicht singen würde, wäre das etwas, was nicht unbedingt mir gehört – erst wenn ich ein Lied mehrmals und live gesungen habe, verbinde ich damit etwas.

Ist es schwierig, keine peinlichen deutschsprachigen Texte zu schreiben?

Johannes: Es ist nicht möglich, keine peinlichen deutschsprachigen Texte zu schreiben – man darf sie nur nicht raushauen. Sobald man anfängt, auf Deutsch über Gefühle zu schreiben, ist man sehr schnell beim Schlager, das ist echt unglaublich. Wenn man sich Ami-Sachen anguckt, zum Beispiel von Chuck Ragan oder Brian Fallon, merkt man, wie direkt sie schreiben. Wenn ich auf Deutsch ähnlich schreiben würde, wäre es etwa „falls ich dich jemals lieben werde, liebe ich dich für immer“ – und diese Zeile könnten vielleicht Helene Fischer oder Max Giesinger bringen. Aber niemand redet so und peinlich wird der Text, wenn du merkst, dass so niemand redet. Wenn es eine Kunstsprache wird, die mit einem Holzhammer etwas rüberbringen soll. Ich versuche, Gefühle so rüberzubringen, dass man sich reinempfinden kann. Dass es Situationen sind, in denen Leute dasselbe fühlen.

Wie viele peinlichen deutsche Texte hast du denn schon geschrieben?

Johannes: Wenn ich merke, dass es peinlich wird, schreibe ich gar nicht erst weiter. Der Text von „Kein Licht“ ist zu 95% der Text, den ich bei der ersten Probe dazu gesungen habe, und bei „Paris“ ist es ähnlich. Sachen, die mir zu flach sind, nehme ich gar nicht erst. Ich weiß, was ich für die Band haben will. Den Rest nehme ich dann für mein zukünftiges Schlager-Projekt (lacht). Ich höre viel deutsche Musik, deutschen Punkrock und deutsche Texte und habe dadurch wahrscheinlich ein ganz gutes Gespür, was geht und was nicht.

Bei euch wird die politische Haltung sehr schnell deutlich. Muss für euch die Politik Teil von Punkrock sein?

Marcel: Ich finde, es bietet sich an, politische Themen zu bearbeiten. Den Song „Wo du herkommst“ kann man so interpretieren, dass eine Person neu in eine Stadt kommt und sich erst einmal orientieren muss. Ähnliches sehe ich aber auch bei mir auf der Arbeit: Geflüchtete kommen an und müssen sich ebenfalls neu orientieren. Man kann Politisches genauso gut in Lieder einbauen, wie sie auf Alltägliches zu münzen.

„Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der Frei.Wild hört, auch Bands wie Shoreline hören könnte.“

Sind deine Beobachtungen in den Text miteingeflossen?

Marcel: Wir haben sehr viel darüber gesprochen. Ich habe den Jungs von Sachen erzählt, die ich auf der Arbeit erfahren hatte und die mich genervt haben. Johannes hat diese aufgegriffen und in den Text eingearbeitet.

Johannes: Viele unserer Bekannten arbeiten in sozialen Unterkünften und Marcel arbeitet im Jugendamt für die unbegleiteten Minderjährigen; deswegen sind die Jungs auch im Video. Ich denke auch, dass sich Politik von nichts trennen lässt – allein, wie du mit deiner Freundin zuhause umgehst, ist politisiert. Und selbst, wenn eine Band keine Parolen raushaut und sich in ihren Texten nicht deutlich äußert, ist der Kontext, in der sie sich bewegt, oft sehr klar. Ich glaube, Leute, die beispielsweise Emo-Punk feiern, haben einen ganz bestimmten Blick auf die Welt. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand, der Frei.Wild hört, auch Bands wie Shoreline hören könnte. Da geht es nur noch im Ideologie und nicht mehr um Musik. Wenn auch nur irgendeine Nazi-Band musikalisch was könnte – aber das können die nicht, die sind alle unglaublich schlecht. Ich komme aus dem Osten, wir haben uns früher den ganzen Kram angehört – auf irgendwelchen Partys zum Beispiel. Und wenn man sich da klar abgegrenzt hat, hat es schon mal geknallt.

Haben andere dann auch versucht, dich nach rechts umzupolen?

Johannes: Anfang der 90er gab es einen Spruch, den ich bis heute nicht vergessen habe. Man sagte, man sei „neutral mit rechter Meinung“. Das war für uns Kinder im Schulalltag die Norm. Ich hatte das Glück, dass ich aus einem christlichen Elternhaus kam, was quasi politischer Widerstand damals zur Zeit der DDR war. Ich hatte jahrelang bekennende Neo-Nazis in meiner Klasse und in meinem Bekanntenkreis, Konflikte waren da alltäglich. Irgendwann hat man dann die Fronten geklärt. Es gibt in Stralsund immer noch drei, vier Kneipen, in die ich nicht gehen würde.

„Wir sind H&M-Punks!“

Ihr arbeitet momentan an eurem Debüt-Album. Sind die Songs darauf exklusiv für das Album entstanden oder hätten sie theoretisch auch Teil der EP werden können?

Johannes: Wir haben bei drei Sachen nochmal etwas angepasst, aber ansonsten haben wir wieder von vorne angefangen. Wir haben alles harmonischer gemacht, den fünften und sechsten Akkord hinzugenommen. Wir planen auch, einen Song mit Piano aufzunehmen, mein Bruder hat das nämlich zufällig studiert. Dann sind wir keine Punks mehr, sondern kommerzielle Bastarde.

Marcel: Dann bekommen wir noch mehr Hater (lacht).

Johannes: Genau (lacht)! Wir haben heute von einem Dulli aus Hildesheim eine Nachricht bekommen, wir seien im Gegensatz zu ihm keine Punks, sondern sähen aus wie aus einer H&M-Werbung. Wir sind H&M-Punks! Da machen wir irgendwann auch noch einen Song draus (lacht). Wir sind echt keine wirklichen Punks, uns ist es aber auch egal. Wir sind keine Teenager mehr, denen es wichtig ist, Teil einer wie auch immer gearteten Szene zu sein. Obwohl es auch jetzt noch schön ist, Teil von etwas zu sein.

Arbeitet ihr für das Album wieder mit denselben Produzenten zusammen?

Johannes: Wenn es geht, arbeiten wir für den Rest unseres Lebens mit diesen Menschen zusammen. Am Anfang waren wir vier Dullis, die im Proberaum ein bisschen Punk gemacht haben. Dann haben wir uns gedacht, wir sollten das Ganze mal ein bisschen ernster nehmen und versuchen, etwas daraus zu machen. John und Yannic von den Skyline Studios in Hildesheim haben sich daraufhin unsere Songs angehört und meinten, aus einem könnte man was machen. Wir waren ganz geknickt und so ist es heute immer noch (lacht). Aber hätten sie uns nicht so in den Arsch getreten, würde es die Band in der Form gar nicht geben. Einer der beiden Produzenten ist in Hannover Gesangscouch, der andere Schlagzeuger in diversen Bands – durch die beiden bekomme ich meine Gesangsausbildung, die ich nie hatte, und unser Schlagzeuger hat dort ebenfalls Unterricht. Wir lernen von ihnen also auch viele technische Sachen. John und Yannic sind fast schon Teil der Band, ich kann mir nicht vorstellen, ohne die beiden zu arbeiten. Irgendwann schreiben wir vielleicht auch mal ein Album ohne die beiden – aber warum? Wenn man jemanden hat, der deine Visionen versteht und sie umsetzen kann, dann nehmen wir das gerne an.

Gibt es einen Song oder ein Album, das ihr gerne selber geschrieben hättet?

Marcel: „The Sufferer & The Witness” von Rise Against!

Johannes: Vor allem textlich hätte ich wirklich gerne „Wildlife“ von La Dispute geschrieben.

Stellt euch mal vor, auf dem Rückweg von eurem nächsten Konzert verfahrt ihr euch ganz schlimm und strandet plötzlich auf einer einsamen Insel. Welches Album würdet ihr dorthin mitnehmen wollen?

Marcel: Ich glaube, ich würde bei „The Sufferer & The Witness“ bleiben.

Johannes: Und ich würde auch die „Wildlife“ von La Dispute mitnehmen. Glaube ich. Was haben denn andere Bands so gesagt? (lacht)

Foto: Yannic Poweleit

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